Ideenvernichtung auf Deutsch

Von: Jens-Uwe Meyer am 15.02.2011

Das aktuelle Wirtschaftswunder Deutschlands täuscht darüber hinweg, dass deutsche Unternehmen im Bereich der innovativsten Firmen allenfalls Mittelmaß sind. Mit ihren ausgefeilten Strukturen, perfekten Prozessen und dem Hang zur Gründlichkeit stehen sich Firmen selbst im Weg. Ideen brauchen Zeit, Spaß und Narrenfreiheit.

Auf dem weltweiten Handy-Markt liefern sich Apple, Google, Nokia und Microsoft derzeit eines der spannendsten Rennen der globalen Wirtschaft. Wer wird den Markt um das Handy der Zukunft für sich entscheiden? Der jahrelange Weltmarktführer Nokia hat den Trend zu Smartphones verpasst, Microsoft musste sein selbst entwickeltes Mobiltelefon wieder vom Markt nehmen und versucht nun mit Windows-Phone 7, verlorenen Boden gutzumachen. Doch wer auch immer den Kampf um Smartphones gewinnt: Deutsche Unternehmen verfolgen den Wettbewerb nur als Zaungäste. Mit dem Innovationstempo der Branche können sie seit Jahren nicht Schritt halten. Zwar sind sie mit ihren perfekten Prozessen und der nach wie vor überragenden Qualität in vielen Bereichen der Wirtschaft Weltmarktführer - doch wenn es darum geht, schnell neue Ideen zu entwickeln und zu vermarkten, sind sie Mittelklasse. Das ist eine Gefahr für die Zukunft, denn das neue deutsche Wirtschaftswunder beruht vor allem auf Produkten, die zwar in jahrelanger deutscher Ingenieurskunst perfektioniert wurden, aber im Kern nach wie vor alte Produkte sind.

Deutsche Unternehmen betreiben zwar einen immensen Aufwand an Forschung und Entwicklung, doch ihre konservativen Strukturen sind nicht dafür gemacht, wirklich Bahnbrechendes zu entwickeln. Noch hat Deutschland Ideen und noch funktioniert die Verbesserung des Bestehenden. Im internationalen Wettbewerb schmilzt jedoch der Vorsprung. Die Konkurrenz im weltweiten Ideenwettbewerb kommt nicht nur aus Amerika. Auch Indien und vor allem China, lange Zeit als billige Produktionsstandorte und Kopierer im Visier, machen deutschen Unternehmen inzwischen Konkurrenz. Unter den 50 weltweit innovativsten Unternehmen waren 2010 erstmals vier chinesische Unternehmen, daneben elf Unternehmen aus anderen asiatischen Staaten. Aus Deutschland finden sich drei Unternehmen auf dieser Liste. Deutschland kann offenbar alles exportieren - außer Ideen. Warum?

Eine Studie der Handelshochschule Leipzig über die weltweit innovativsten Unternehmen zeigt: Deutsche Unternehmen müssen einen Spagat schaffen - sie müssen die Prozesse aufrechterhalten, die sie so erfolgreich machen, und andererseits sicherstellen, dass genau diese perfekten Prozesse, die primär auf Effizienz und Fehlerminimierung setzen, das Entstehen neuer Ideen nicht verhindern. Laut Studie behindern dabei vier Faktoren den Erfolg im globalen Ideenwettbewerb: Starre Strukturen, Regelwut, der Wunsch nach Kontrolle und die ständige Angst, nicht perfekt zu sein.

Zuständigkeiten in starren Strukturen

Die meisten deutschen Unternehmen sind durch klare Hierarchien geprägt. Die Entwicklung ist für neue Produkte zuständig, die Produktion sorgt für berechenbar hohe Qualität, das Marketing entwickelt die Prospekte, der Vertrieb verkauft das Produkt. Dieses Bereichsdenken macht Unternehmen zwar äußerst effizient, doch zugleich erstickt es den größten Teil des kreativen Potenzials. Denn Ideen entstehen immer dort, wo Grenzen aufeinanderstoßen und Reibung entsteht. Der deutsche Dienstweg erschwert jedoch genau diesen Austausch. Unternehmen wie Amazon oder Samsung machen vor, wie es anders geht: Als in den verkrusteten Strukturen von Karstadt und Hertie noch darüber diskutiert wurde, wie und in welchem Umfang das Internet Konsumenten in Zukunft beeinflussen wird, setzte Amazon- Chef Jeff Bezos auf neue Unternehmensstrukturen und schuf kleine wendige Teams mit einem hohen Grad an Verantwortung. Es nutzte dazu die so genannte Zwei-Pizza-Regel: Sobald ein Team mehr als zwei Pizzen essen kann, wird es geteilt.

Samsung wiederum hat in den vergangenen Jahren einen erstaunlichen Wandel vollzogen, durch den vielleicht auch deutsche Traditionsunternehmen wie Grundig überlebt hätten: Das Unternehmen startete eine Ideenoffensive und richtete auf der gesamten Welt Design-Center ein. Dort werden Neuheiten bespielsweise nach dem Konklave- Prinzip entwickelt: Designer und Techniker bleiben einfach solange im Design-Center, bis die Neuheit fertig entwickelt ist. Viele der wirklich innovativen Unternehmen haben erkannt, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielt. Deutsche Unternehmen mit ihren strengen Strukturen und langen Abstimmungsprozessen sind in diesem Wettbewerb chancenlos.

FUN AND FOCUS
Eine Mischung aus klaren, extrem ehrgeizigen Zielen und der Spaßmaximierung bei der Arbeit ist das Erfolgsrezept der weltweit innovativsten Unternehmen. Dazu gehören Führungsprinzipien, die in deutschen Firmen größtenteils undenkbar sind: Beispielsweise, dass sich Mitarbeiter ihre Aufgaben selbst suchen,Teams von Mitstreitern sich selbst zusammenstellen und Neuheiten entwickelt werden, ohne dass das Topmanagement zu einhundert Prozent weiß, was die Mitarbeiter eigentlich den ganzen Tag treiben.

Alles kann und muss geregelt werden

Regelfreie Zonen sind in deutschen Unternehmen nahezu unbekannt. Wer Ideen hat, soll sie gefälligst in den dafür vorgesehenen Prozess einbringen: Dazu wird ein Vordruck ausgefüllt und an die zuständigen Gremien geschickt, die über den Vorschlag beraten und ihn im Zweifel verwerfen. In vielen Unternehmen ähnelt das Ideen- und Innovationsmanagement einem bürokratischen Monster, denn es existieren genaue Vorschriften, wie Ideenformulare auszufüllen, Ideen zu begründen und umzusetzen sind. Mitunter ist vorab sogar zu klären, welchen potenziellen Ertrag sie in drei Jahren erbringen - dazu wird im „Voodoo-Businessplan" dann gern der Finger in die Luft gehalten, um einen Betrag zu raten. Dabei wird übersehen, dass Ideen nicht als fertiges I-Phone auf die Welt kommen. Sie müssen entwickelt, von verschiedenen Seiten betrachtet und in unterschiedlichen Versionen immer wieder ausprobiert, korrigiert oder verworfen werden, ehe sie Marktreife erlangen. In dieser Zeit benötige Ideen etwas, das im Tierreich „Welpenschutz" genannt wird: einen geschützten Raum, in dem sie in Ruhe reifen können. Bei Unternehmen wie Google oder 3M erhalten Mitarbeiter daher freie Zeit, damit sie an eigenen neuen Ideen arbeiten. Und Google bringt Ideen auf den Markt , ohne ein konkretes Businesskonzept zu haben. Google vertraut darauf, dass sich für Ideen, die sich bewähren, mit Sicherheit ein neues Geschäftsmodell entwickeln lässt. Wenn es soweit ist.

Kontrollwut: Wer, was, wann, warum, wieso und mit wem?

Wenn Nike-Designer Tinker Hatfield von der Erfindung des Sportschuhs Nike-Air berichtet, leuchten seine Augen. Das Pariser Centre Pampidou habe bei der Turnschuherfindung Pate gestanden, erzählt er. Nike räumt seinen Designern eine fast grenzenlose Freiheit ein. Es gilt das Erfolgsrezept: Leidenschaft statt Stechuhr. Als Nintendo die Spielkonsole Wii entwickelte, forderte das Unternehmen seine Techniker und Designer stets aufs neue auf, möglichst tollkühn zu denken. Und der Chip-Hersteller Intel macht fast einen Sport daraus, den Entwicklern immer nur schwere, beinahe unlösbare Probleme zu präsentieren.

In innovativen Unternehmen verwalten Manager nicht, sie gestalten. Sie fordern ihre Mitarbeiter auf, das Unmögliche zu denken und die Grenzen des Bestehenden zu sprengen. Dahinter steht ein tiefes Verständnis für Kreativität und die Mischung aus ehrgeizigen Zielen und Spaßmaximierung bei der Arbeit. Ideenfindung ist ein Abenteuer, kein durchgeregelter Prozess.

Dabei gilt intrinsische Motivation schon lange als ein wesentlicher Treiber von Innovation. Ein Managementprinzig hierfür ist beispielsweise, dass sich Mitarbeiter ihre Aufgaben einfach selbst suchen. Der Gedanke dahinter ist einfach: Mitarbeiter, die sich ihre Entwicklungsprojekte selbst wählen, sind schneller, ideenreicher und produktiver als Mitarbeiter, die eine Aufgabe zugewiesen bekommen, für die sie sich möglicherweise gar nicht interessieren.

Scheitern verboten: Perfektion, Perfektion und nochmals Perfektion!

In deutschen Unternehmen ist die Kultur meist von äußerster Vorsicht geprägt. Im Grundsatz ist das nicht schlecht, hält es doch Hasardeure davon ab, Firmen ins Unglück zu stürzen. Doch allzu oft ist diese Vorsicht übertrieben: Angst als generelle Einstellung wirkt wie eine chemische Keule bei der Unkrautvernichtung: Es rottet zwar das unerwünschte Unkraut aus, doch die nützlichen Pflanzen, Käfer und Schmetterlinge ebenso. Was bleibt, ist eine Brache. Dasselbe gilt für Ideenkeime in Unternehmen. Beim Handy-Hersteller Research in Motion (RIM) gilt dagegen das Neun-vonzehn- Prinzip: Etwas muss neunmal schiefgehen, ehe es beim zehnten Mal gelingt. Die Virgin Group orientiert sich an dem Satz: „Pionier sein, nicht dem Pionier folgen." Und der indische Tata-Konzern vergibt jedes Jahr den Innovista-Preis für eine ernsthaft erprobte, aber letztlich gescheiterte Innovation. Durch solche Regeln und Maßnahmen drücken die Unternehmen vor allem eines aus: Scheitern willkommen! Sie haben erkannt, dass es Innovationen mit Vollkaskoschutz nicht gibt.

Die Frage, wie Unternehmen kreativer sein können, ist alles andere als eine schöngeistige Debatte. Denn genau das, was deutsche Firmen erfolgreich macht, wird ihnen im globalen Innovationswettbewerb zum Verhängnis: der Wunsch, alles perfekt, alles richtig, alles berechenbar zu machen. Fehlschläge, wie sie beispielsweise Google mit Google Wave erlebte, würden in vielen deutschen Unternehmen als Desaster gelten, doch Google reagierte anders: Der Internetkonzern hatte Wave 2009 als Nachfolger der E-Mail präsentiert und eine Beta-Version auf den Markt gebracht - ein Flop. Wave wurde eingestellt. Doch für CEO Eric Schmidt ist das keine Katastrophe. „Wir probieren Dinge aus und wir feiern unser Scheitern. In unserem Unternehmen ist es absolut in Ordnung, etwas schwieriges zu versuchen, damit keinen Erfolg zu haben und daraus zu lernen", erklärt er. Und zuckt mit den Schultern.

Jens-Uwe Meyer


IT Sonix
Walter Services

Info-Board

Onlineportale als Instrument in einer integrierten CRM bzw. Dialog-Strategie

Wer heute seine Kunden dauerhaft binden möchte, muss sich etwas einfallen lassen.

Mehr zum Thema lesen Sie in dem Beitrag von Verena Buchbinder und Stefan Krimmer, gkk DialogGroup, München

Dokument lesen...


Die Branche zu Gast bei TeleTalk. 

» Alle Videos...


TeleTalk Demoforen: 
Unternehmenspräsentationen Live. 
» Zu den Webcasts...

www.cit.com

Marktführer Call Center

Highlights

Aktuelle Trends in der Call Center-Branche


Special
Der Kunde im Fokus


Tabellen und Marktübersichten mit über 500 Anbietern


Business Guide mit über 100 Firmenkontakten


Tipps und Einkaufshilfen zu ACD-Systemen, CC-Software, Consultants, Dienstleister, Dialer, Headsets, Servicenummern, Telefongesellschaften und VoIP-Plattormen

 

» Hier direkt bestellen

© telepublic Verlag 2011 | Alle Rechte vorbehalten.