BRANCHEN & PRAXIS KUNDENMANAGEMENT können helfen, entscheidende Motive des Kunden zu er- fahren. Denn oberste Maxime ist es, den Kunden vor einem Fehlkauf zu schützen. Umso weniger Berührungspunkte der Kunde bisher mit dem Thema und der Branche hatte, desto größer ist die Gefahr. Arbeitet(e) ein Kunde schon sehr lange mit einem Mit- bewerber des Lieferanten zusammen, sind zwingend die Wechselgründe herauszuarbeiten. Hat der Kunde Wechsel- absichten, weil der Mitbewerber wirklich objektiv gesehen (nicht mehr) der ideale Anbieter ist oder hat der Kunde utopische Vorstellungen, die sein bisheriger Lieferant nicht erfüllen kann/will? Aber auch Kunden sollten mehr hinter- und nachfragen, um konkrete(!) Antworten zu bekommen. Antwortet beispielsweise ein Dienstleister auf die Frage des Kunden „Wie rechnet ihr denn ab?“ mit „Offen und transparent“, dann ist der Kunde gut beraten, genauer zu werden: „Und das heißt?“. Bleibt der Anbieter nebulös mit seiner Antwort und erwidert „Nach Aufwand“, sollte jeder Kunde gewarnt sein, warum nicht wirklich offen und transparent mit Zahlen umgegangen wird. Die Antwort einer Agentur, die Webseiten erstellt, könnte beispiels- weise lauten: „Wir rechnen im 15 Minuten Takt ab. Wenn wir 18 Minuten für dich arbeiten oder auch mit dir spre- chen, berechnen wir 30 Minuten. Und wenn wir 4 Minuten arbeiten oder mit dir sprechen, dann 15 Minuten.“ Weil aber viele Anbieter hier den offenen Dialog scheuen, kommt es später oft zu unnötigen Auseinandersetzungen und Enttäuschungen. agb kurz erklären Statt die mehrseitigen AGB mit Worten wie „Ja, und etwas Bürokratie muss ja sein. Bitte bestätigen Sie hier noch mal kurz, dass Sie die AGB erhalten haben“, zum Vertrags- bestandteil zu machen, sollten Anbieter, die es ehrlich mit ihren Kunden meinen, lieber sagen „Wir haben hier 12 Seiten AGB. Ich möchte kurz auf die 3 wichtigsten Dinge zu sprechen kommen, damit Sie wissen, woran Sie mit uns sind. Schauen Sie hier: Hier steht, dass … Das bedeutet, wenn X passiert, dass …“ kunden gehen oft in die konsumentenhaltung Auch wenn beide Seiten den Vertrag unterschreiben und damit Rechte und Pflichten eingehen, befinden sich Kunden meist in der Konsumentenhaltung. Selbst wenn sie nicht zufrieden sind, schweigen sie häufig. Oft mit der Erwartung, dass der Anbieter für die Geschäftsbeziehung verantwortlich ist. Statt beherzt zum Telefon zu greifen und seinen Unmut auszusprechen, ergreifen Kunden eher unterschwellige Maß- nahmen zur „Lieferantenerziehung“: • Der Kunde ist schwieriger zu erreichen. • Rechnungen werden später gezahlt. • Es wird mehr reklamiert. • Das Bestellvolumen wird reduziert. • Sarkasmus übernimmt in Gesprächen die Oberhand. Problematisch ist, dass viele Anbieter diese Signale nicht wahrnehmen. Oder wenn, dann nicht reagieren, bzw. unter dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. zwischendurch mit kunden reden Der treudoofe Satz auf so manch einer Rechnung „Wenn Sie zufrieden waren, dann sagen Sie es bitte weiter. Wenn Sie nicht zufrieden sind, dann sagen Sie es bitte mir“, bleibt oft ein frommer Wunsch. Denn so manche Kunden resignieren mit „Wenn mein Anbieter es hätte besser machen können, hätte er es ja gemacht! Also: Was soll ich rekla- mieren? Ich habe mir leider den falschen Lieferanten aus- gesucht.“ Andere hingegen werden deutlich aktiver: „Jetzt ist der Lieferant doch nicht ideal. Dass ich das nicht rechtzeitig erkannt habe, ärgert mich. Und dass die das von sich aus nicht rechtzeitig sagten, ärgert mich noch viel mehr. Na warte, die werde ich jetzt ‚erziehen‘, um doch das zu bekommen, was ich wollte.“ Erschwerend kommt hinzu, dass sich so manche Anbieter auch persönlich angegriffen fühlen, wenn Kunden auf Dinge hinweisen, die ihnen nicht gefallen. Darum sollten Lieferanten, denen die Zusammenarbeit mit ihren Kunden wichtig ist, regelmäßig von sich aus mit ihren Kunden das Gespräch suchen. Also nicht nur dann, wenn es darum geht, diesen (wieder) etwas zu verkaufen, sondern auch mal zwischendurch, um zu prüfen, ob beide Seiten noch an ei- nem Strang ziehen. Ist dies nicht der Fall, sollte nicht nur geklärt werden, ob es noch ein gegenseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit gibt, sondern auch, wie zukünftig besser miteinander gearbeitet werden kann. Oliver Schumacher ist Verkaufstrainer und Netzwerk-Profi 42 TeleTalk 3/ 2025 www.teletalk.de