Rund 25.000 Anrufe im Monat, ein einziges Thema: die Ablöse eines Autokredits. Dabei gibt es dafür längst Self-Service – per Telefon und im Portal „Meine Open Bank“. Genutzt wird er von nicht einmal 15 Prozent der Kunden. Die anderen rufen an. Sie zweifeln Berechnungen an, wollen Beträge erklärt bekommen, wissen nicht, wohin sie überweisen sollen. Oder sie wol- len schlicht, dass ein Mensch bestätigt, was die Maschine ausgerechnet hat. „Aus diesen 25.000 Calls werden wahrscheinlich irgendwann auch nur noch zwei-, dreitausend Calls werden“, sagt Swen Nolden, Bereichsleiter bei Open Bank Consumer Operations Services. „Aber die werden wir haben.“ Der Satz taugt als Kurzformel für den Zustand der Branche im Jahr 2026. Die Automatisierung kommt, sie kommt schnell und sie wird Volumen kosten – daran zweifelt keiner der vier Ge- sprächspartner, die auf Einladung von regiocom am Standort in Thessaloniki/Griechenland über den Kundenservice der Zukunft gesprochen haben. Aber ein menschenleerer Service? Den hält keiner für realistisch. Und keiner für wünschenswert. » Komplexer, nicht einfacher Wer glaubt, KI treffe auf einen stabilen, gut sortierten Ser- vicebetrieb, den sie nur noch effizienter machen muss, irrt. Nolden blickt auf 26 Jahre Betriebserfahrung zurück – und auf eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Früher: drei Fach- bereiche, je 20 bis 30 Seiten Schulungsunterlagen. Heute: 13 betreute Fachbereiche, dazu Regulatorik, Datenschutz, Legitimationsprüfung, immer kürzere Änderungszyklen. „Heute kommen wir mit 150 Seiten für einen Fachbereich nicht klar“, sagt er. Dazu kommt die Informationsflut im Alltag – E-Mail, Teams, Wissensdatenbank – für die kaum jemand genug Zeit hat: lesen, wiederfinden, verinnerlichen. Manuel Hohenberger, Crew Lead FLS bei der GEMA, beschreibt denselben Umbruch von der Kundenseite her. Antworten binnen Minuten statt Stunden, Erreichbarkeit rund um die Uhr, Konsistenz über alle Kanäle: Das ist die neue Grundlinie. „Der Kunde möchte nicht mehr als Ticket- nummer oder einfacher Anrufer wahrgenommen werden, sondern als Individuum“, sagt er. Gleichzeitig wandelt sich der Blick auf den Service selbst – weg vom Kostenblock, hin zum Instrument der Kundenbindung und damit der Um- satzsicherung. Genau daran, ergänzt Hohenberger, scheitern viele Transformationen: Es fehlt an Akzeptanz, an Systemen, an Investitionen und an einer klaren Servicestrategie. Bei der UGG kommt eine dritte Dimension hinzu: Dy- namik. Das Unternehmen ist jung, viele Prozesse sind im REGIOCOM KUNDENSERVICE 2030 Aufbau, Vorgaben passen nicht auf jeden Fall zu hundert Prozent. „Klare Vorgaben sind wichtig. Aber genauso wichtig ist der flexible Umgang damit“, sagt Jörg Wins, Head of Customer Service Operation. Wer hier nur Regelwerke abarbeitet, kommt nicht weit. WE N IG E R ROUT I N E. M E H R KO M PLE X ITÄT. Issam Mouchrik, COO regiocom Customer Care, bringt die drei Befunde auf einen Nenner: „Kundenservice wird nicht einfacher, sondern steuerungsintensiver: Fachlichkeit, Führung, Technologie und Verantwortung müssen zu- sammenwirken.“ Komplexität, sagt er, sei keine Frage des Volumens, sondern der Steuerbarkeit – und die Basiskosten steigen, besonders in Deutschland, während Auftraggeber eine nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Relation erwarten. » Tempo ist Standard – Transparenz entscheidet Was zählt am Ende mehr: Geschwindigkeit, Transparenz, die saubere Lösung oder das konsistente Kundenerlebnis? Auffällig ist, wie einig sich die vier sind – und wie deutlich sich die Gewichtung verschoben hat. Die Lösung bleibt die Basis, darunter geht nichts. „Die Lösung ist immer die Grundlage. Ohne Lösung ist alles andere wertlos“, sagt Wins. Ein schneller Kontakt, der das Problem nicht abschließend löst, produziert Wiederkontakte, Reputationsschäden und Mehrkosten – egal wie kurz die Bearbeitungszeit war. Tempo dagegen hat als Differenzierungsmerkmal ausgedient. „Geschwindigkeit ist heutzutage kein Differenzierungsmerk- mal, sondern Standard“, sagt Hohenberger. Schnelligkeit fällt kaum noch positiv auf; Verzögerung dafür sofort negativ. Was tatsächlich an Gewicht gewinnt, ist Transparenz: „Kun- den akzeptieren es, wenn etwas länger dauert – aber nur dann, wenn sie wissen, was gerade passiert.“ Wins formuliert dieselbe Haltung als Kommunikationsregel: Nicht „geht nicht“, sondern „es funktioniert nicht, weil …“. Mouchrik sieht im Kundenerlebnis die Klammer um alles andere: Es entstehe aus Lösung, Geschwindigkeit, Kom- munikation und Haltung – und entscheide am Ende, ob Service als verlässlich und vertrauenswürdig erlebt wird. Wie schnell sich die Maßstäbe dabei verschieben, macht Wins am Kanalwandel fest: Beim Brief war Warten akzeptiert, bei der E-Mail sind es Stunden, bei WhatsApp und Chat zählt der Moment. „Die neuen Generationen haben weniger Lust zu telefonieren. Darauf müssen wir uns einstellen.“ 5/ 2026 TeleTalk 9